Die Neugier treibt ihn an
Der Tiroler Josef Waltl berichtet, wie er es verkraftet, seinen Traumjob, weltweiter Leiter der Shell-Tankstellen, aufzugeben – und was er aufbringen musste, um seinen Weg zur Führungskraft des am Umsatz gemessen weltweit größten Unternehmens zu machen.
Bericht von Roman Reisenberger in der Tiroler Tageszeitung vom 08.08.2009:
Innsbruck – Ein paradoxes Bedürfnis teilt Josef Waltl mit vielen Tirolern. Die Berge liebt er seit seiner Kindheit im Brixental, aber es „war mir immer wichtig, meinen Horizont zu erweitern“. Diesen Antrieb kann der 60-Jährige jetzt, da er vor wenigen Tagen den offiziellen Ruhestand angetreten hat, immer noch nicht leugnen. Nachdem er zuletzt der Leiter von 45.000 Shell-Tankstellen weltweit war und damit die Mobilität täglich von zehn Millionen Kunden in 90 Ländern zu gewährleisten hatte, wäre eine massive Einschränkung der eigenen, undenkbar. „Ich will neue Erfahrungen sammeln, die Neugier wird nie befriedigt sein.“
Den Drang ins Ausland
„In England, Indonesien, Ungarn, Holland und Deutschland habe ich gelebt, aber Tirol wird immer Heimat sein.“ Josef Waltl
Die Lust nach Neuem zeichnete Waltl, der in St. Johann geboren wurde und in Hopfgarten aufwuchs, schon in seiner Schulzeit in der HTL und bei seinem Studium in Innsbruck aus. Als er sein Wirtschafts-Doktorat abschloss, zog es ihn zu Shell, „denn dort wurde mir die Möglichkeit geboten, im Ausland zu arbeiten. Dass es dann dermaßen viele interessante Erfahrungen werden sollten, war mir aber damals noch nicht bewusst.“
Bevor Waltl 2005 zum globalen Führungsteam von Shell berufen wurde und 2006 die Leitung des weltweiten Tankstellennetzes übernahm, führte ihn sein Weg von Österreich über England nach Indonesien. Unter demEindruck der zweiten Ölkrise, die 1979 begann, sollte er im Inselstaat die Möglichkeiten von Braunkohleabbau erörtern und helfen, ein Tankstellennetz aufzubauen. „Dort wurde meine Abenteuerlust erstmals richtig gestillt. Auch kulturell.“ Es folgten Stationen in Ungarn, Holland und Deutschland. „Tirol wird aber immer Heimat bleiben, ich habe hier Freunde und meine Familie.“
Seine Familie und vor allem seine Frau, die er 1984 heiratete, unterstützten ihn auch, als er ihnen erzählte, es treibe ihn nach Ungarn – noch bevor im Sommer 1989 die Wende ausgelöst wurde. „Für solche Aufgaben habe ich mich immer interessiert. Meine Familie zog bei solchen Entscheidungen auch immer mit, sie waren es, die wirklich flexibel waren.“ Er selbst habe bei all seinen Stationen schon Strukturen im Unternehmen vorgefunden, aber „meine Frau und meine Tochter mussten neue Freunde, eine neue Schule und ein neues Umfeld finden.“
Von Hopfgarten in die Welt
Josef Waltl wurde 1949 in St. Johann geboren und wuchs in Hopfgarten auf. Er besuchte die HTL Innsbruck und maturierte im Zweig Elektrotechnick, anschließend begann er sein Studium.
Bei Shell fängt er mit Stationen in Österreich, Indonesien und London an. 1991 kehrte er nach Österreich zurück und zog in den Vorstand ein. Nach zwei Jahren wurde er nach Holland geholt und erlebte „Brent Spar“ (Shell wurde fälschlicherweise von Greenpeace beschuldigt, die Versenkung einer Ölplattform würde die Umwelt verschmutzen) hautnah von der Shell-Zentrale aus.
Vorstandsvorsitzender wurde er 1995 von Shell Austria und 2002 von Shell Oil Deutschland. Seinen Karrierehöhepunkt erreichte der gebürtige Tiroler, als er vor drei Jahren das weltweite Tankstellennetz übernahm. Damit hatte er die Verantwortung für 45.000 Tankstellen, das ist das größte Verkaufsnetz eines Unternehmes überhaupt. Zum Vergleich: McDonalds hat ca. 31.000 Verkaufsstandorte.
Dafür sei die Zeit in Ungarn die politisch interessanteste gewesen. Der Westeuropäer blickte nicht nur hinter den Eisernen Vorhang, er erlebte den Umbruch hautnah aus einer ganz anderen Perspektive. „Bis Ende 1989 konnten wir frische Lebensmittel nur selten bekommen, manchmal brachten wir sie aus Österreich mit. Und ein Jahr später war auch in Budapest alles erhältlich und man spürte, wie die Menschen viel offener wurden.“
Wegen seiner offenen Art habe er es auch bei seinem Engagement in Deutschland verhältnismäßig leicht gehabt. Immerhin ist es keine alltägliche Situation, dass ein Österreicher die Deutschland-Geschäfte eines Großkonzerns leitet. In den fünf Jahren, die er in Hamburg gelebt hat, musste er auch schwierige Entscheidungen treffen. Als der deutsche Konzern Dea bei Shell eingegliedert wurde, war Waltl für die Integration des Unternehmens verantwortlich und musste auch einen großen Personalabbau managen. „Die kantige, direkte und ehrliche Art, die uns Tiroler ausmacht, wurde von den Menschen in Deutschland geschätzt. Auch wenn man mich anfangs oft mit einem Bayern verwechselt hat.“
Obwohl er selbst Kündigungen aussprechen musste, hält er Personalabbau allein, wie er derzeit täglich angekündigt und vollzogen wird, „für keine erfolgversprechende Strategie. Jeder Manager muss darauf achten, rational und effektiv zu wirtschaften, aber auch neue Geschäftsmöglichkeiten zu entwickeln.“
Neue alte Tankstellenmodelle
Angetrieben von seinem Leitsatz wird in Deutschland und Österreich auf ein altes Tankstellenmodell zurückgegriffen. „Einige Menschen wollen vielleicht Automaten-Tankstellen, aber die meisten Shell-Kunden schätzen es, wenn sie jemand an der Zapfsäule berät und ihnen bei Bedarf helfen kann“, erklärt Waltl den neuen alten Job des Tankwarts. „Die Kunden wollen ein freundliches Gesicht sehen.“
Dass Shell und andere Konzerne in Zukunft zwar nicht ihr Gesicht verlieren, aber einen wichtigen Geschäftszweig, weil die herkömmliche Tankstelle aufgrund alternativer Antriebsarten ausdient, glaubt er nicht: „In den nächsten Jahren werden Biotreibstoffe an Bedeutung gewinnen. Shell ist in der Forschung sehr aktiv.“ Auf Hawaii wird versucht, aus Algen Biokraftstoff herzustellen. In Kanada gibt es eine Versuchsanlage, die mit Stroh arbeitet. In Deutschland versucht man aus forstwirtschaftlichen Abfällen Diesel zu gewinnen.
Da Josef Waltl seit August in Pension ist, erlebt er die weitere Entwicklung nicht mehr direkt im Konzern mit. „Aber an der Shell-Akademie in Holland gebe ich meine Erfahrung weiter und ich bin auch mit Universitäten in Gespräch. Wenn mich außerdem aus Tirol eine Anfrage ereilt, werde ich mich nicht sträuben.“
Dabei soll es jedoch nicht bleiben. Er habe in fünf Ländern gelebt und in 90 gearbeitet, war dort der Ausländer. „Jetzt will ich etwas zurückgeben und Menschen helfen, sich zu integrieren.“ Er freue sich aber erst einmal, den größten Kontrast zu seiner 40-jährigen Karriere zurückzugewinnen. „Ich werde viel auf den Berg gehen.“ Denn ein Getriebener verliert seinen Antrieb nicht mit dem Ruhestand.